Keine Zeit, Gott zu danken?

14.06.2012

Dora und Michael aus Ghana über ihren Besuch in Deutschland

Dora und Michael mit Schwester Hanna Theis vom Diakonissenhaus.

Dora und Michael sind erschöpft. Drei Wochen Deutschland, drei Wochen Eindrücke, Begegnungen, Diskussionen. Mit anderen jungen Menschen aus Deutschland, Europa, Asien, Afrika und den USA. Drei Wochen eine andere Welt, andere Glaubenswelten.

Dora, 20, und Michael, 22, studieren in Accra, der Hauptstadt Ghanas. Im Rahmen der Ghana-Partnerschaft der Evangelischen Kirche besuchten sie nun Deutschland, wohnten im Frankfurter Diakonissenhaus, feierten den ökumenischen Pfingstgottesdienst auf dem Römerberg mit, waren zu Gast in der Maria-Magdalena- und der Wartburggemeinde, nahmen am Jugendkirchentag in Michelbach teil und organisierten das Global Youth Village.

Nun sitzen sie im Zentrum Ökumene und haben vor ihrem Rückflug nach Ghana zwei Tage Zeit, die Bilder und Gefühle setzen zu lassen. Und die sind sehr gemischt, „mixed“, sagen sie. Der tiefste Eindruck von ihrem Besuch in Deutschland? „The hospitality“, die Gastfreundschaft, schwärmen beide. Von Rassismus, wie befürchtet, hätten sie nirgends etwas gespürt, alle seien immer freundlich gewesen. Und die schönsten Erlebnisse? „Das Abendessen bei einer deutschen Familie“, sagt Michael. Die schöne Atmosphäre habe ihm gefallen und dass die ganze Familie an einem Tisch sitzt und erzählt. Das, sagt er, gäbe es in Ghana nicht. Dora fand den Besuch des Diakoniezentrums Weser5 besonders beeindruckend. Vorher, so erzählt sie, habe sie gedacht, in Deutschland lebten nur reiche Menschen. Aber Armut gebe es eben auch hier. Menschen, die wirklich alleine auf der Straße leben. In Ghana, sagt Dora, würden sie von den Familien aufgefangen.

Ein Höhepunkt der drei Wochen Deutschland aber, da sind sich beide einig, sei das Global Youth Village gewesen. Mit Gesprächen, Singen, Beten und Feiern brachten die jungen Leute einander ihren Lebensalltag und ihre Erfahrungen mit ihren Heimatkirchen näher. Unterschiedliche Menschen und Kulturen kennenzulernen und darüber zu diskutieren, das fanden die beiden jungen Ghanaer sehr spannend. „Das hat unseren Horizont erweitert -  eine wundervolle Zeit.“

Und die größten Unterschiede zwischen Ghana und Deutschland? „Vor allem das kirchliche Leben hier ist total anders“, sagt Michael. Einerseits könnten hier die jungen Menschen immer ihre Meinung sagen, auf der anderen Seite seien sie kirchlich nicht so engagiert. „Das macht mir Sorgen“, sagt Michael vorsichtig, um dann etwas deutlicher zu werden: Dass nur alte Menschen im Sonntagsgottesdienst sitzen und dass die jungen Leute die Bibel nicht lesen, das findet er „schockierend und traurig“. Von klein auf müssten die Bibel und der Sonntagsgottesdienst für Christen eine Selbstverständlichkeit sein, ergänzt Dora. „Eine Stunde in der Woche muss einfach Zeit sein, Gott zu danken“.

Carla Diehl

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