Blick auf die Frankfurter Kirche in der NS-Zeit

01.02.2013

Vorstellung des neuen Buches von Jürgen Telschow

Das dieser Tage erschiene Werk „Ringen um den rechten Weg. Die evangelische Kirche in Frankfurt zwischen 1933 und 1945“ von Jürgen Telschow, „schafft eine Grundlage für folgende Generationen“, sagte Esther Gebhardt, Vorstandsvorsitzende des Evangelischen Regionalverbandes, am 31. Januar anlässlich der Vorstellung des Buches in der Heiliggeistkirche am Dominikanerkloster. „Eine glänzende Arbeit“, nannte Oberkirchenrat i.R. Dr. Klaus Grunwald, der das Forschungsprojekt „Wissenschaftliche Auswertung der Kirchenkampf-Dokumentation“ in diesem Rahmen vorstellte, den Frankfurter Band.

Seit drei Jahren wird von zehn Beteiligten im Auftrag der EKHN-Kirchenleitung dieses mehrbändige Projekt betrieben. Grunwald sparte in seiner Ansprache in der Heiliggeistkirche nicht mit Kritik – etwa mit Blick auf  den Juristen Paul Kipper, der damals an der Spitze der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau stand, sagte er bei der Buchpräsentation: „Er war ein zuverlässiger Erfüllungsgehilfe der Nazis“.

Der Präses der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Dr. Ulrich Oelschläger, würdigte in seiner Rede in der Heiliggeistkirche die akribische Arbeit Telschows  - dank seiner Auswertung der Personalakten der Frankfurter Pfarrerschaft sei ein „Gruppenbiogramm“ für die Jahre 1933 bis 1945 entstanden. Auch die Grauzonen würden deutlich, etwa dass die regimenahen Deutschen Christen „kein monolithischer Block“ waren und es wiederum seitens der regimekritischen Bekennenden Kirche keineswegs nur Widerstand gab, sondern dass sich in den Archiven auch Loyalitätserklärungen aus diesem Kreis zu Hitler finden lassen.

Jürgen Telschow, über lange Jahre Verwaltungsleiter des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt am Main, verwies auf weit zurückreichende Traditionen des Protestantismus zu Staatsnähe, insbesondere seitens des Bürgertums. Umso beachtlicher sei aber, dass unter den 137 Frankfurter Pfarrern 60 auf Distanz gegangen seien und sich der Bekennenden Kirche zugewandt hätten. “Ein Anteil, den es so in keiner Region in Deutschland gab“, lautete Telschows Einschätzung. Pfarrer Otto Fricke, der von seinem  eigenen Kirchenvorstand in der Dreifaltigkeitsgemeinde am Zugang zur Kirche gehindert worden war, nannte er als ein Beispiel für Mut -  er fand 21 Familien, bei denen Hausgottesdienste stattfinden konnten.

Doch auf die Frage seines Gesprächspartners, Pfarrer i.R. Joachim Proescholdt, was er angesichts des Verhaltens der evangelischen Kirche in der NS-Zeit allgemein empfinde, äußerte Telschow: „Ich empfinde Zorn“ – damals habe die Kirche noch wesentlich mehr Einfluss auf die Bevölkerung gehabt. Und diesen nicht ausreichend genutzt.
Die Vorstandsvorsitzende des Evangelischen Regionalverbandes Esther Gebhardt sagte in ihrem Schlusswort – drei Fragen stellten sich auch heute: Wie konnte es passieren? Könnte es wieder passieren? Wie hätte ich mich verhalten?

Das von der Hessischen Kirchengeschichtlichen Vereinigung herausgegebene Buch ist zum Preis von 17, 50 Euro im Buchhandel erhältlich.

Mit Blick auf die Neuerscheinung finden in Frankfurt noch zwei Veranstaltungen statt – die Termine:

7. Februar, 18 Uhr, Frankfurter Diakonissenhaus, Cronstettenstraße 57-61,
„Frankfurter Evangelische Krankenhäuser und der Arierparagraf“

21. Februar, 18 Uhr, Philipp-Jakob-Spener-Haus, Dominikanergasse 5:
„Das Bündnis von Nationalprotestantismus und Nationalsozialismus“ – Vortrag von Professor Dr. Günter Brakelmann.

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