Die Barrieren in den Köpfen müssen verschwinden

09.05.2014

Inklusives Ausbildungs- und Qualifizierungsprojekt „Rothschild“ für gehörlose, schwerhörige und hörende junge Menschen eröffnet

Foto: Rolf Oeser

Der Evangelische Verein für Jugendsozialarbeit in Frankfurt am Main e.V. initiiert immer wieder innovative, mutige Projekte. Zur Umsetzung des Inklusionsgedankens haben die Geschäftsführerin Miriam Schmidt-Walter und die Leiterin des Bereichs Qualifizierung und Ausbildung Evelyn Rogowski sich an Neuland gewagt: In Kooperation mit der Frankfurter Stiftung für Gehörlose und Schwerhörige haben sie das inklusive Ausbildungsprojekt „Rothschild“ entwickelt, in dem gehörlose, schwerhörige und hörende junge Menschen gemeinsam im Gastronomiebereich ausgebildet werden. Es ist das erste inklusive Ausbildungsprojekt im Gastronomiebereich Frankfurts. Bereits seit Januar absolvieren vier Auszubildende eine Ausbildung zur Fachkraft im Gastgewerbe, sechs weitere Teilnehmende holen im Rahmen des Projekts ihren Hauptschulabschluss nach und erwerben Qualifizierungsbausteine im gastronomischen Bereich. In Zukunft werden acht weitere Ausbildungsplätze eingerichtet.

Für die Finanzierung konnten das Hessische Ministerium für Soziales und Integration, der Europäischen Sozialfonds und die Stadt Frankfurt am Main von der Idee überzeugt werden. Zur Eröffnung des Ausbildungs- und Qualifizierungsprojekts „Rothschild“ am Mittwoch, den 7. Mai 2014, im Frankfurter Gehörlosen- und Schwerhörigenzentrum versammelten sich außerdem viele Fachleute anderer Träger, die am Programm Qualifizierung und Beschäftigung des Europäischen Sozialfonds teilnehmen.

Wege für Inklusion finden

Pfarrerin Esther Gebhardt, Vorstandsvorsitzende des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt, lobte den Verein, der eine Tochter des Evangelischen Regionalverbandes ist, für seine innovative Arbeit. „Inklusion ist für uns Christen wichtig, da die Schöpfung Gottes auf Vielfalt angelegt ist. Wir müssen lernen, die Vielfalt und Verschiedenhaftigkeit in unserer Gesellschaft als Stärke zu sehen“, so Gebhardt.

Pfarrer Jürgen Mattis, Vorstandsvorsitzender des Evangelischen Vereins für Jugendsozialarbeit brachte die Frage nach Inklusion treffend auf den Punkt, indem er sagte „Wer Inklusion will, findet Wege. Wer Inklusion verhindern will, findet Begründungen.“

Minister Stefan Grüttner, Hessischer Minister für Soziales und Integration, bezeichnete „Rothschild“ als innovatives Projekt, das ein gutes Beispiel für andere Projekte sein könne, in denen Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam arbeiten und allen gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht wird. Grüttner zeigte sich besonders davon beeindruckt, wie die gehörlosen, schwerhörigen und hörenden jungen Menschen es schaffen, im gemeinsamen Arbeiten eine gelingende Kommunikation sicherzustellen. Davon könnten viele andere Projekte lernen. „Zuerst müssen die Barrieren in unseren Köpfen verschwinden, danach können wir an den anderen Barrieren arbeiten“, so Grüttner.

Stadträtin Professorin Dr. Daniela Birkenfeld, Dezernentin für Soziales, Jugend und Recht in Frankfurt am Main betonte, dass das Projekt Meilensteine setze und in ihm gelebte Inklusion stattfinde.

Kommunikation funktioniert

Im täglichen Restaurant- und Cateringbetrieb des Projekts „Rothschild“ werden die Teilnehmenden nicht nur im Gastgewerbe ausgebildet, sondern lernen auch, ohne Vorurteile und Hemmschwellen aufeinander zuzugehen und sich zu verstehen. Dazu gehört auch, dass die gehörlosen, hörenden und schwerhörigen Jugendlichen während ihrer Ausbildung die Gebärdensprache erlernen. Unterrichtet werden alle gemeinsam mit Hilfe einer Gebärdendolmetscherin.

Die 33-jährige gehörlose Lena Schmul macht seit Januar eine Ausbildung als Fachkraft im Gastgewerbe. Vorher hat sie bereits mehrere Jahre in der Gastronomie und bei einem Zahnarzt gejobbt. Eine Ausbildungsstelle zu finden war für sie bisher jedoch sehr schwierig. Besonders die Arbeit im Service macht ihr Spaß. Ihr Wunsch ist es, gleich behandelt zu werden wie ihre hörenden Kolleginnen und Kollegen. „Die gehörlosen Auszubildenden sind sehr konzentriert und aufmerksam bei ihrer Arbeit. Sie merken sofort, wenn ein Gast einen Wunsch hat oder etwas fehlt“, so Stefanie Horn, Teamleiterin von „Rothschild“.

Die Auszubildende Marissa Piatello, 22, wollte schon immer in der Gastronomie arbeiten. Als sie hörte, dass sie in ihrer Ausbildung auch Gebärdensprache lernen würde, war sie begeistert. Das Alphabet, einige wichtige Begriffe für die Küche wie „heiß“ oder „kochen“ beherrscht sie bereits. Die Kommunikation funktioniert mit Händen und Füßen. „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“, so Piatello. Bei Problemen und Missverständnissen hilft ein Kollege, der auch die Gebärdensprache beherrscht oder eine Gebärdendolmetscherin. Im Notfall nutzen die „Rothschild“-Mitarbeiter auch ihre Smartphones, um miteinander zu kommunizieren.

„Die Teilnahme soll die Jugendlichen befähigen, für sich selbst eine berufliche und persönliche Perspektive zu entwickeln, um im Anschluss eine Arbeit oder Ausbildung auf dem ersten Arbeitsmarkt aufnehmen zu können“, so Miriam Schmidt-Walter, Geschäftsführerin des Evangelischen Vereins für Jugendsozialarbeit.

Der Restaurantbetrieb „Rothschild“ im Frankfurter Gehörlosen- und Schwerhörigenzentrum, Rothschildallee 16a, Bornheim, ist täglich von Montag bis Freitag von 12 bis 14 Uhr geöffnet. Auf dem Menü stehen je zwei Gerichte, wobei eines vegetarisch ist. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

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