Eine Frankfurter Flüchtlingsgemeinde – und das seit mehr als 450 Jahren

05.10.2017

Fidèle Mushidi freut sich über „frankophonen“ Buchmesseschwerpunkt

Fidèle Mushidi freut sich auf die Buchmesse Foto Behler/EÖA Frankfurt

Auf dem Aktenstapel liegt ein schwarz-rot-goldener Cowboyhut, „ach der ist noch von der EM, aber schon im Kongo war ich ein großer Fan von Beckenbauer“, sagt Fidèle Mushidi, sozialdiakonischer Mitarbeiter der Französisch-reformierten Gemeinde. Heute liebt er die Eintracht, allzu häufig kommt er aber nicht ins Stadion. Am Wochenende ist Mushidi vielfach in der Gemeinde beschäftigt und die Familie - seine Frau und fünf Kinder - sorgen dafür, dass er im Kalender selten Lücken findet. Doch eins steht für ihn fest, „ich gehe zur Buchmesse“. Sowieso und immer schon, seit er 2003 nach Frankfurt zog. Dieses Mal ist es ein besonderer Termin, „das Motto ,Francfort en français / Frankfurt auf Französisch‘ ist doch wunderbar, da können wir dort Französisch reden“. Er möchte seine Tochter mitnehmen, sie hat das hiesige Lycee Français besucht, studiert inzwischen Sozialarbeit und veröffentlichte unlängst ein Buch: Patience Ngoba-Mushidi: „Nyota“ – zu Deutsch „Sterne“.

2001 kam der heute 57-Jährige nach Deutschland, zwei Jahre später an den Main, das Gespräch in dem begrünten und mit Akten und Büchern reich bestückten Gemeindebüro an der Eschersheimer Landstraße führt er auf Deutsch, die von ihm betreuten Gottesdienste und Bibelstunden laufen aber in der Regel auf Französisch.

Flüchtlinge gründeten vor 450 Jahren die Gemeinde

Von protestantischen Wallonen, die um 1554 einwanderten, wurde die Frankfurter Französisch-reformierte Gemeinde gegründet, im folgenden Jahrhundert folgten Hugenotten und ließen die Gemeinde wachsen. Mushidi kam in einer Zeit der Wirren in seinem Heimatland in die Bundesrepublik, Jahre dauerte es, bis seine Frau nachziehen konnte. Er hält seine Aussagen dazu knapp.

Bis in den Ersten Weltkrieg hinein war Französisch die Umgangssprache der Französisch-reformierten, die Gemeinde genoss in der Stadtgesellschaft weithin ein hohes Ansehen, Kaufleute, Gelehrte und andere schlossen sich an, nicht wenige waren bar jeder französischen Wurzeln. „Mit über 450 Jahren ist diese Gemeinde die älteste verfasste Kirchengemeinde Frankfurts“ heißt es stolz auf der Homepage der Französisch-reformierten. Und heute, mehr als vielleicht in anderen Zeiten, ist es eine Gemeinde, in der Flüchtlinge eine Heimat finden.

Rund 90 Prozent der Menschen, die an den französischsprachigen Gottesdiensten, Bibelstunden, am Gebetskreis teilnähmen, stammten aus Afrika, schätzt Mushidi. Tanzen, Singen, Beten, all das hat hier zuzeiten seinen Raum. „So viele haben Traumatisches erlebt, die wollen erst einmal loslassen“, sagt der in seiner Heimat zum Theologen Ausgebildete. Soziales Netzwerk sei die Gemeinde und ein Ort, wo die Menschen dem Gedanken „Wie kann ich meine Wurzeln nicht verlieren und mich in Deutschland wohlfühlen“, nachgehen können.

Michael Mehl, Pfarrer für Ökumene beim Evangelischen Stadtdekanat Frankfurt, meint: „Diese Erfahrung verbindet die Gemeindeglieder der französisch-reformierten Gemeinde mit den vielen Menschen aus Gemeinden anderer Sprache und Herkunft, die in Frankfurt auf der Suche nach einer geistlichen Heimat sind, in der sie ihre Sprache und die damit verbundenen Traditionen wie Bibeltext, Liedgut und Gebete wieder entdecken können.“ Hinzu fügt der für den Interkonfessionellen Dialog zuständige Theologe: „Nur die wenigsten Gemeinden anderer Sprache und Herkunft haben dabei das Glück, auf ortsansässige Gemeinden zu treffen, die ihre Geschichte teilen. Darin ist die französisch-reformierte Gemeinde ,unique‘ - einzigartig.“

Auf Französisch für Toleranz werben

In einem hellbraunen Hemd mit Batikmuster sitzt Mushidi am Schreibtisch, zählt die verschiedenen religiösen Hintergründe der Menschen auf, die aus Frankfurt und dem Umland kommen: In der Heimat hatten manche Verbindungen zu Pfingstkirchlern, waren früher katholisch, andere wurzeln in der evangelischen Kirche. „Die Liturgie, Diakonie und evangelische Theologie prägen unsere Spiritualität“, sagt Mushidi. Spannungen bleiben bei den Treffen der Frankophonen am Dornbusch nicht aus, etwa wenn es um den Umgang mit dem Thema „Homosexualität“ geht. Zu Veranstaltungen, in denen das ein Thema sei, erscheine der eine oder die andere nicht. Dank des Französischen, der gemeinsamen Sprache, kann Fidèle Mushidi sein Verständnis von Toleranz weitergeben, mit den Besucherinnen und Besuchern ins Gespräch kommen. Er selber sieht sich in der Tradition Karl Barths, des Schweizer Theologen, der zu den Mitbegründern der Bekennenden Kirche zählt, die Hitler entgegentrat. Den 2005 verstorbenen französischen Philosophen Paul Ricoeur, der sich mit Phänomenologie und Psychoanalyse befasste, nennt Mushidi auch als einen Ideengeber, der ihn geprägt habe.

Die Frankophonen lassen sich nicht als Nischengruppe oder „die sind auch noch da“ verbuchen, sie gehören in der Französisch-reformierten Gemeinde fest dazu – ob nun im Bau- oder im Finanzausschuss. An der Wand von Mushidis Büro hängt der Kalender des Amtes für multikulturelle Angelegenheiten, Mushidi ist auf verschiedene Weise in das internationale Kirchengeschehen Frankfurts eingebunden, zählt zum internationalen Konvent Christlicher Gemeinden Rhein-Main e.V., auch darüber hinaus engagiert er sich, ist Mitglied der interkulturellen Pfarrkonferenz der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Seit 2012 verfügt Fidèle Mushidi über einen deutschen Pass. Seine Identität drückt sich nicht nur in diesem Dokument aus.

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