„Gruft“ – für die Ströbls ein unerschöpfliches Thema

07.09.2017

Von den „Grufties“ zu reden, ist zugegebenermaßen ein bisschen bemüht und müd‘. Aber das Wort bietet sich an. Regina Ströbl und ihr Mann Andreas stehen hinter der „Forschungsstelle Gruft“, ansässig in Lübeck. Am Dienstag, 19. September 2017, ist das Paar in der evangelischen Sankt Katharinenkirche, An der Hauptwache, Innenstadt, zu Gast, wenn die Ausstellung mit Emporenbildern zum Thema „Tod und Vergänglichkeit“ um 19.30 Uhr eröffnet wird. Die beiden halten bei der Vernissage einen Vortrag über Grüfte mit Fokus auf die Barockzeit. Aus der Epoche stammen auch die Vorbilder der gezeigten Gemälde.

Mit Grabstätten kennen sich Ströbls wahrlich aus, studiert haben sie jeweils Archäologie, Vor- und Frühgeschichte sowie Kunstgeschichte. Über textile Grabbeigaben hat sie promoviert, er wandte sich dem Thema „Die Entwicklung des Holzsargs von der Hochrenaissance bis zum Historismus“ zu. Die beiden 53-Jährigen haben sich vor gut acht Jahren bei einer Tagung kennengelernt. „Wir haben uns wirklich gewundert, dass wir nicht vorher schon aufeinandergetroffen sind“, sagt sie und lacht.

Ein unerschöpfliches Thema

Rasch haben die zwei nach der ersten Begegnung Leben und Arbeit zusammengetan. Und das Thema Grabstätten ist für sie neben Gelderwerb und Forschungsaufgabe – ein schier unerschöpfliches: „Wir können da wirklich viel drüber reden.“ Angefangen vom Äußeren: Ausstattung des Sargs, Wahl des Innenpolsters, Beigaben und Ornamente, der Zustand der Gebeine und ihrer Umgebung, bis hin zum Metaphorischen: den Symbolen von Machtbewusstsein, Familien- und anderen Beziehungen, den kirchenhistorischen Hinweisen. Botanik und Materialkunde – auch das ist gefragt beim Erkunden und Sanieren von Grüften. Manchmal wird es ziemlich plastisch, wenn die zwei erzählen, sie haben es mit „Trockenmumien“ zu tun. „Die sehen aus wie Rosinen“, wenn einzelne Organe entnommen worden seien, gelinge der Konservierungsprozess noch besser, sagt Andreas Ströbl. Die zwei schauen sich die Mumien an, interessieren sich für die Details. Aber sie stellen sie nicht aus, zeigen auch keine Bilder der Erforschten – mit Blick auf deren Würde. Es sind für sie „Auferstehungsorte“, deren Intimität sie schützen wollen.

Baudenkmalpflege, Bodendenkmalpflege, Kirchen, aber auch Privatpersonen gehören zu den Auftraggebern des Forscherpaars. Rund 40 Grabstätten haben die zwei schon erforscht und restauriert, etwa im Hamburger Michel. In der Hansestadt war Andreas Ströbl auch beauftragt, den verwahrlosten Skeletten unter der Kirche Sankt Josef auf der Großen Freiheit in Sankt Pauli eine würdige Stätte zu verschaffen. Zwischen den Bars und Bordellen entstand ein Beinhaus.

Die Grabstatt der Königin Luise hat Regina Ströbl saniert und zwei weitere herzögliche Grüfte in Mecklenburg-Vorpommern. Einige Aufträge habe es nach der Wiedervereinigung im früheren Osten gegeben, erzählt die Forscherin. Besatzer räumten 1945 Grabkammern, aber auch später kam es vor, „dass mit den Schädeln Fußball gespielt wurde“. Adlige, die nach dem Ende der DDR den Sitz ihrer Vorfahren wieder überschrieben bekamen, hätten im Laufe der Zeit den Wunsch verspürt, ihren Ahnen den früheren Platz zurückzugeben.

In anderen Landstrichen geht den beiden ebenfalls die Arbeit nicht aus. 95 Prozent der Grüfte seien im Laufe der Zeit geschädigt, viele von Plünderern heimgesucht worden, berichtet Andreas Ströbl, Gold, Silber und andere Schätze würden vermutet. Obgleich die in unseren Breitengraden keineswegs so üblich sind, wie andernorts.

tl_files/images/content/aktuelles/2017_09/2017-09-Skelett-Emporenbilder.jpg„Wir sind keine Restauratoren“, darauf legt Regina Ströbl Wert. Vielmehr gehe es um ein Gesamtpaket, „den Menschen die Würde zurückzugeben“. Und das heißt, den ursprünglichen Geist bei der Grablegung zu erkunden. Aktuell interessieren sich Ströbls vor allem für das 19. Jahrhundet. Kennzeichen der Bestattungskultur – bei den Wohlhabenden – sei damals die Botschaft geworden „Die Familie überdauert den Tod“. Repräsentation, Darstellen des erworbenen Wohlstandes, darauf sei gezielt worden.

Der Szenenwechsel in der Sankt Katharinenkirche mit unterschiedlichen Emporenbildern wurde gestartet im Rahmen des Jubiläums „500 Jahre Reformation“. Zu dem Beerdigungswesen im 16. Jahrhundert meint Andreas Ströbl, Klöster als letzte Ruhestätten hätten damals an Bedeutung verloren, insbesondere Landesherren hätten sich nach anderen Orten umgeschaut.  „Die Person, tritt in den Vordergrund“, habe es geheißen unter Berufung auf Luther, so die Einschätzung der Ströbls.

Heute selten so plastische Vorstellungen vom Tod

In der Ausstellung in der Sankt Katharinenkirche werden bis zum 29. November Heinrich Furcks die „Allegorie Weltlicher Freuden“, sein Gemälde „Im Tod gefangen“ sowie das Werk „Der letzte Seufzer“ von Daniel Thelen gezeigt, die sich auf Kupferstiche beziehen. „Das sind schon skurrile Bilder“, so Olaf Lewerenz, Stadtkirchenpfarrer an Sankt Katharinen, „ein Mensch gefangen in einem Skelett, der Tod, der einen Menschen durch weltliche Lüste eine Falle stellt, der letzte Atem, der als Wölkchen den Sterbenden verlässt. Schade, dass wir heute solche plastischen Vorstellungen vom Tod kaum mehr in unserer Kirche verwenden.“ Für Lewerenz ist es daher spannend, von den „Grufties“ mehr darüber zu hören, was für Bräuche und Vorstellungen hinter solchen Bildern stecken, was für Ängste und Hoffnungen der Lebenden sich hinter den Todesvorstellungen verbergen – bis hin zur Angst vor Widergängern, neudeutsch Zombies.

Jana Baumeister, Ensemblemitglied des Staatstheaters Darmstadt, wird bei der Vernissage singen. Die junge Sopranistin, ausgezeichnet im vergangenen Jahr mit dem Ersten Preis beim Bundeswettbewerb Gesang Berlin 2016, hat unter anderem an der hiesigen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst bei Hedwig Fassbender studiert, dem Frankfurter Publikum ist sie durch Auftritte in der Oper und in der Alten Oper bekannt. An diesem Abend wird sie passend zu dem Vortrag des Ehepaar Ströbl Lieder des Barock zu Tod und Ewigkeit vortragen, Professor Martin Lücker begleitet sie an der Orgel.

Die Präsentation der Emporenbilder und die Vernissage wurden ermöglicht durch Unterstützung durch die Hynsperg-Cronstetten-Stiftung, die Gruneliusstiftung, die Evangelische Zukunftsstiftung und landeskirchliche Mittel zum Reformationsjubiläum.

Besichtigt werden können die Werke während der Öffnungszeiten der evangelischen Sankt Katharinenkirche, montags bis samstags von 12 bis 18 Uhr.

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