Huber rügt Auswüchse am Finanzmarkt

27.01.2012

Der Ex-Ratsvorsitzende der EKD diskutierte mit Staatsrechtler Kirchhof

Altbischof Wolfgang Huber und der Staatsrechtler Paul Kirchhof haben Auswüchse am Finanzmarkt gerügt und deren Begrenzung befürwortet. Mit sogenannten Termingeschäften könne viel Geld verdient werden, wenn man auf den Niedergang eines Staates setze, sagte Kirchhof am 25. Januar 2012 in der Heiliggeistkirche in Frankfurt am Main. Der Ex-Verfassungsrichter fügte hinzu: "Das gehört sich nicht." Der Theologieprofessor Huber, ehemaliger Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), kritisierte auch Finanzmarktspekulationen, die sich auf den Aktienkurs eines Unternehmens oder die Knappheit von Lebensmitteln richten und damit die Ärmsten träfen.

Huber und Kirchhof sprachen bei einer Veranstaltung der Stiftung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau zum Thema "Das Ende der Institutionen?" Kirchhof fragte: "Welches Bedürfnis eines anderen Menschen hat der befriedigt, der sein Geld durch Spiel und Wette erzielt hat?" Die Dominanz des Marktes könnte langfristig die Idee des Privateigentums zerstören.

An die Kirchen richtete der Katholik Kirchhof die Erwartung, dass sie sich zur Finanzmarktkrise öffentlich äußerten; "Unseren Kirchen gelingt es nicht, mit hinreichender Deutlichkeit in die Öffentlichkeit zu reden, um das Gottvertrauen in die Gegenwart zu dolmetschen." Zu den Kernaufgaben der Kirchen gehöre es, Maßlosigkeit anzuprangern. Der weltanschaulich neutrale Staat sei auf Religion und Kirche angewiesen, da er selbst die Sinnfrage nicht beantworten dürfe, argumentierte der Verfassungsjurist.

Für die Schuldenkrise machte der Berliner Altbischof Huber auch ein gesellschaftliches Klima verantwortlich, das von dem Auseinanderklaffen von Erwaltungshaltung und Beteiligungswillen geprägt sei. Steuersenkungen bei gleichzeitig höheren staatlichen Leistungen sei allen recht gewesen. "Wir leben in einer Kultur des schnellen Geldes" und der Profitabilität, sagte der Sozialethiker. Dagegen empfahl er, die dienende Rolle des Geldes wieder stärker in Erinnerung zu bringen. Angesichts des verbreiteten Lamentierens über Krisenphänomene warnte Huber vor Kleinmütigkeit und erinnerte die Herausforderungen, denen sich die Bevölkerung nach dem Kriegsende und der Wiedervereinigung gegenübergesehen hätten.

Quelle:epd


Nach dem Podiumsgespräch hat ekhn.de Wolfgang Huber und Paul Kirchhof befragt:

EKHN.de: Herr Huber, wo hat denn die Kirche in der Finanzkrise Ihrer Meinung nach versagt?
Huber: „Die Kirche hat einzelne Fehler gemacht in der Anlagepolitik in der Finanzkrise. Das war bedauerlich, aber es waren zum Glück Einzelfälle. Insgesamt ist die Kirche auch gut durch diese Finanzkrise durchgekommen, aber das ist ja nicht das Hauptthema. Das Hauptthema ist, dass wir uns bemüht haben, aber noch viel verstärkter bemühen müssen, einen Einfluss zu nehmen auf die Grundhaltungen, in denen die Menschen mit dieser Finanzmarktkrise und nun der Schuldenkrise umgehen, und einen Beitrag dazu zu leisten, dass die Veränderungen auch möglich werden, die an dieser Stelle notwendig sind. Das ist die große Aufgabe. Das haben wir angefangen in der EKD mit unserer Äußerung zur Finanzmarktkrise von 2009, mit diesem Plädoyer für eine nachhaltige, international verantwortete soziale Marktwirtschaft mit der Forderung, dass an den Finanzmärkten klare Regelungen eingeführt werden, die auch dazu führen, dass Verantwortung wieder einkehrt. Und das heißt, dass Menschen für die Risiken, die sie herbeiführen, auch tatsächlich selber haften müssen.“

Wie wichtig ist Kirche in so einer Situation: Finanzkrise, alles bricht ein?
Huber: „Es ist natürlich klar, dass nicht einfach Vorschläge der Kirche eins zu eins umgesetzt werden. Aber die Kirche hat eine ganz wichtige Aufgabe darin, auf die Grundprobleme aufmerksam zu machen, um die es dabei geht. Menschen darin zu ermutigen, dass sie auch aus klaren eigenen Grundhaltungen ihre Verantwortung wahrnehmen und auch die Politik darin zu ermutigen, dass sie die schwierigen Entscheidungen, die zu treffen sind, auch tatsächlich trifft.“

Sie, beziehungsweise die EKD, haben ja gefordert: Mehr Ethik in der Wirtschaft. Warum funktioniert das nicht, Ethik in der Wirtschaft? Das müsste doch eigentlich klappen, das sind doch auch Leute, die in die Kirche gehen.
Huber: „Das ist ja auch eine zu pauschale Aussage. Wenn Sie sich klarmachen, dass 90 % der deutschen Wirtschaft mittelständisch sind, dass es viele eigentümergeführte Unternehmen gibt, wo sich der Chef und die Mitarbeiter Tag für Tag in die Augen schauen, dann wissen Sie, dass es auch in ethischer Hinsicht eine gute Basis und Substanz in der Wirtschaft gibt. Aber ein ganz wichtiger Punkt ist, dass wir nicht eigentümergeführte mittelständische Unternehmen und DAX-orientierte Unternehmen auf der anderen Seite wie zwei Welten betrachten, die nichts miteinander zu tun haben, sondern für die Wirtschaft insgesamt Vertrauenswürdigkeit, Transparenz, Ehrlichkeit als bleibend wichtige Maßstäbe anerkennen, das auch verstärkt in die Ausbildung von Führungskräften hineinbringen. Das sind alles Ziele, an denen viele gegenwärtig arbeiten, und das gilt es fortzusetzen. Die Aussage, dass es einfach nicht klappt und nicht klappen kann, ist falsch.“

Wie kann die Kirche denn Vertrauen gewinnen?
Huber: „Durch den Einsatz von Menschen, die als Personen vertrauenswürdig sind, durch klare Orientierung am Glaubenszeugnis, am Evangelium. Durch die Bereitschaft, auf Menschen zuzugehen, und durch die Qualität dessen, was sie macht. Von den Gottesdiensten bis zu ihrer Bildungsarbeit, bis zu ihrer Diakonie und zur Seelsorge.“

Wen kann die Kirche denn überhaupt noch erreichen? Sie haben gesagt: Fünf Millionen Austritte. Das ist eine gewaltige Zahl. Wen können Sie noch erreichen?
Huber: „Jeder ist ein Adressat des kirchlichen Auftrags. Kirche ist darin Volkskirche, dass sie Kirche für das Volk ist. Sie kann sich niemals nur auf diejenigen beschränken - so wichtig sie sind - die zur Kirche halten, sondern alle sind ihrerseits auch Boten des Evangeliums in die Welt und zu den Menschen hinein. Es gibt niemanden, der für die Kirche einfach unerreichbar ist.“

Herr Kirchhof, wo hat denn Kirche Ihrer Meinung nach versagt in der Finanzkrise?
Kirchhof: „Also ich würde nicht sagen, dass die Kirche versagt hat, aber man hätte sich vielleicht ein lauteres Wort gewünscht, etwa in der Frage, ob es ethisch vertretbar ist, dass wir Erwerbsmöglichkeiten im Finanzmarkt haben, wo Menschen auf das Risiko des Niedergangs von Unternehmen und Staaten setzen und wenn sich dann dieses Unglück für die Menschen ereignet, sie daraus einen finanziellen Vorteil ziehen. Wir hätten uns gewünscht, dass viele Stimmen, auch die kirchlichen Stimmen etwa das Verantwortungseigentum wieder mehr einfordern. Jeder, der Kapital hat und dieses platziert, etwa in einem Fonds, muss persönlich verantworten, was mit dieser Kapitalmacht geschieht. Und da brauchen wir einen ethischen Dialog im Elementaren, den es gibt, der gut begonnen ist, der aber lebhafter und lauter sein könnte.“

Warum funktioniert Ethik nicht in der Wirtschaft, beziehungsweise in den DAX-30-Unternehmen?
Kirchhof: „Also ich glaube, die Nachdenklichen in der Wirtschaft fragen immer mehr nach Ethik, auch nach kirchlichen Gesprächen, weil sie natürlich wissen, dass ihr ganzes System auf Vertrauen aufgebaut ist, nämlich das Einlösungsvertrauen des Geldes. Geld ist ja nur eine abstrakte Idee. Wir haben da einen Schein in der Tasche, der nichts Wert ist, steht aber hundert Euro drauf und deswegen meinen wir, dass wir, wenn wir diesen Schein dem Kaufmann vorlegen, einen Gegenwert real von hundert Euro bekommen. Das ist ein gigantisches Vertrauenskonzept. Und wenn dieses Vertrauen der Menschen untereinander, der Kunden zum Produzenten, des Arbeitnehmers zum Arbeitgeber und umgekehrt gefährdet wäre oder gar verloren ginge, dann fehlt diesem Wirtschaftssystem das Vertrauenselement und damit das Geld, auf dem das ganze System aufbaut.“

Was kann der Staat von der Kirche lernen?
Kirchhof: „Der Staat kann von der Kirche was lernen, selbstverständlich. Das Recht hat ganz wesentlich kirchliche, christliche Ursprünge. Der Satz ‚der Mensch ist Ebenbild Gottes, Gott ist Mensch geworden’ ist der radikalste Gleichheitssatz der Rechtsgeschichte, ist das größte Freiheitsvertrauen, das je eine Gesellschaft in den Menschen gesetzt hat, ist das Fundament unseres ganzen freiheitlichen Verfassungsstaates und damit der Demokratie und damit der sozialen Verantwortung für den anderen. Also der Staat hat viel von der Kirche gelernt, er hat auch in unserem guten Staatskirchenrecht einiges für die Kirchen getan. Staat und Kirche wissen, sie sind aufeinander angewiesen in guter Nachbarschaft, weil der Mensch Staatsbürger und Kirchenmitglied gleichzeitig ist und deswegen müssen beide sich um den selben Menschen kümmern.“

Vielen Dank für das Gespräch!
Die Fragen stellte Tobias Weiler, Multimediaredaktion im Medienhaus der EKHN

(Quelle ekhn.de / Foto: www.wolfganghuber.info)

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