Interreligiös – in Wort und Musik

27.11.2016

Neujahrsempfang der Evangelischen Kirche in Frankfurt am Main zu Beginn des neuen Kirchenjahres

1. Reihe von li: Der katholische Stadtdekan Dr. Johannes zu Eltz, Kämmerer und Kirchendezernent Uwe Becker, Oberbürgermeister Peter Feldmann, Präses Dr. Irmela von Schenck, Bischof Dr. Dr. hc. Markus Dröge, der evangelische Stadtdekan Dr. Achim Knecht, zweite Reihe 1. von rechts, Stadtverordnetenvorsteher Stephan Siegler Foto: Rolf Oeser

Frankfurt ist von Vielfalt gekennzeichnet und Offenheit – das hat heute auf ganz unterschiedliche Weise der Neujahrsempfang der Evangelischen Kirche in Frankfurt am Main dokumentiert. Stadtdekan Dr. Achim Knecht hob es hervor in seiner Ansprache in der Heiliggeistkirche am Dominikanerkloster: Der Austausch mit Muslimen, die Abwehr von aufkommendem Antisemitismus – beides seien der evangelischen Kirche zentrale Anliegen, sagte der Theologe. Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann betonte die Internationalität der Stadt in seinem Grußwort – und musikalisch machte es der Interreligiöse Chor deutlich. Zu Gast aus Berlin war bei dem Empfang Bischof Dr. Dr. hc. Markus Dröge. Er sprach über ein Bonhoeffer-Zitat: „Die Liebe zu unserem Volk ist das Selbstverständliche, Reguläre, Natürliche, aber keineswegs das Christliche“ und das Thema „Die Evangelische Kirche vor der Herausforderung durch Flucht und Migration“.

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Nach dem Programm gab es angeregte Gespräche unter den Gästen

 

Präses begrüßt rund 150 Vertreterinnen und Vertreter der Frankfurter Stadtgesellschaft

Dr. Irmela von Schenck, stellvertretende Vorstandsvorsitzende und Versammlungsleiterin der Evangelischen Kirche in Frankfurt konnte eingangs unter den rund 150 Gäste aus verschiedenen Feldern der Stadtgesellschaft unter anderem Stadtverordnetenvorsteher Stephan Siegler, Kämmerer und Kirchendezernenten Uwe Becker, den inzwischen 95 Jahre alten früheren Kämmerer Ernst Gerhardt, die Generalsekretärin der Bundes-FDP Nicola Beer und eine Reihe von Parlamentariern  begrüßen, darunter den SPD-Landtagsabgeordneten Gernot Grumbach. In der ersten Reihe saß zudem der katholische Stadtdekan Dr. Johannes zu Eltz.

 

Der evangelische Stadtdekan: Islam und Judentum gehören zur Stadt

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Stadtdekan Achim Knecht bei seiner Rede

Wie Bischof Dröge griff Stadtdekan Knecht in seiner Rede einen Begriff des kirchlichen Widerständlers Dietrich Bonhoeffer, der sich dem NS-Regime widersetzte, auf. Es gehe darum „Kirche für andere zu sein“. Unabhängig von Herkunft oder Glauben wolle sich die Evangelische Kirche in Frankfurt am Main einsetzen „für alle Menschen, die Unterstützung und Hilfe benötigen“. Knecht wiederholte seine unlängst gemachte Feststellung, dass es sinnvoll sei, auch den Dialog mit konservativen muslimischen Gemeinden zu suchen. Angesichts dessen „werden die beiden großen Kirchen gelegentlich als naiv gescholten“, sagte er. Dem hielt der evangelische Stadtdekan entgegen, diese Kritik wirke oft so, „als wolle man Menschen muslimischen Glaubens und ihren Gemeinden die Zugehörigkeit zu unserer Gesellschaft absprechen.“

Knecht sagte zudem: „Genauso wie die Jüdische Religion zu unserer Gesellschaft gehört.“ Mit Sorgen nehme die evangelische Kirche die zunehmende Judenfeindlichkeit in Frankfurt wahr. „Alarmiert beobachten wir judenfeindliche Rhetorik und Überriffe von rechtsradikalen und islamistischen Bewegungen.“ Der evangelische Stadtdekan warnte auch vor der Rückkehr antijüdischer und antisemitischer Vorurteile unter eigenen Mitgliedern.

Bischof Dröge: Orientierung am großen Ganzen

Dröge sagte in dem Festvortrag, es gehe darum, den geistigen und geistlichen Kampf um die Köpfe und Herzen aufzunehmen, „damit nicht der Populismus um sich greift, der die so eingängige und verführerische Botschaft verbreitet, dass die Selbstbezogenheit näher liegt als die Orientierung am großen Ganzen.“ Sicher berge die anstehende Integration der Flüchtlinge eine Reihe von Herausforderungen, „aber all das ist zu bewältigen“, so der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, der auch Ratsmitglied der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist. Parolen, die das Christentum gegen das Gebot der Nächstenliebe vereinnahmen, müsse widersprochen werden, forderte er.

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Der Empfang wurde vom Interreligiösen Chor Frankfurt musikalisch gestaltet.

 

Oberbürgermeister Feldmann: Kein Platz für rechtspopulistische Agitation

Frankfurt kenne einen wunderbaren Begriff „Eingeplackte“, sagte der Oberbürgermeister der Stadt, Peter Feldmann. Die traditionelle Handelsstadt, mit ihrer heute gelebten Internationalität werde getragen parteiübergreifend und konfessionsübergreifend. Das Stadtoberhaupt zitierte den Frankfurter Ehrenbürger Francois Mitterand, der in seiner letzten Rede als französischer Präsident sagte, „am Ende bedeutet Nationalismus immer Krieg“.

Politisch profilierte Debatte sei sinnvoll,  wer am Status quo festhalten wolle, sei ein „Phantast“, so der Frankfurter Oberbürgermeister. Geführt werden müsse die Diskussion jedoch klar auf der Grundlage, dass aufkommender rechtspopulistischer Agitation kein Platz eingeräumt werden dürfe.

Der von dem jüdischen Chasan Daniel Kempin und der evangelischen Kantorin Bettina Strübel geleitete Interreligiöse Chor ergänzte das Gesagte durch passende Klänge. Von verschiedenen Stellen des festlich illuminierten Kirchenraums aus sang er unter anderem eine von der Darstellung der Geburt Jesu im Koran inspirierte Version des traditionellen christlichen Weihnachtsliedes „Maria durch ein Dornwald ging“ sowie ein Lied des jüdisch-amerikanischen Musikers Nick Page zu Psalm 42,2.

Der Neujahrsempfang der Evangelischen Kirche in Frankfurt am Main findet traditionell am Ersten Advent statt, denn an diesem Tag beginnt das neue Kirchenjahr.

Der Text der Rede von Bischof Dröge: hier
Der Text der Rede von Stadtdekan Knecht: hier

 

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Gespräche unter dem Adventskranz: (v.l.r.) Stadtdekan Achim Knecht, der katholische Stadtdekan Johannes zu Eltz und Oberbürgermeister Peter Feldmann.

Fotos: Rolf Oeser

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