PC, Roboter, Künstliche Intelligenz, Big Data – alles wird gut – oder?

07.11.2017

Ökumenischer Betriebsräteempfang in der Evangelischen Akademie

Ersetzt die Technik den Menschen? Andreas Myert befasste sich in seinem Vortrag mit dieser Frage.

Früher bahnten sich Entwicklungen an, eine ganze Zeit dauerte es, bis daraus Ergebnisse wurden. Heute geht es schneller zu in unserer Lebenswelt, die Digitalisierung legt ein anderes Tempo vor, eröffnet ständig neue Möglichkeiten: Google Übersetzer radebrechte vor ein paar Jahren noch, „heute schafft er sogar Doppeldeutiges angemessen zu übersetzen“, etwa das Wort „überlegen“, sagte Andreas Mayert, Diplom-Volkswirt beim Sozialwissenschaftlichen Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in seinem Vortrag beim diesjährigen ökumenischen Frankfurter Empfang für Betriebsräte, Personalräte, Mitarbeitenden- und Jugendvertretungen. Die beiden hiesigen Stadtdekane, der evangelische, Achim Knecht und der katholische, Johannes zu Eltz, begrüßten die rund 70 Anwesenden im Großen Saal der Evangelischen Akademie auf dem Römerberg. Philipp Jacks, Vorsitzender der DGB-Region Frankfurt-Rhein-Main, sprach gleichfalls ein Grußwort.

Digitalisierung und das Wohl des Einzelnen – und der Gesellschaft

„Eine neue Welt“, „einen neuen Lebensraum“ ziehe die Digitalisierung nach sich, äußerte der evangelische Stadtdekan in seiner Begrüßung. Vieles Positive sei mit dieser „Medienrevolution“ verknüpft. Verständigung, Demokratisierung profitierten davon. Der Hinweis auf Wachstums- und Effizienzpotentiale bedürfe aber auch des kritischen Nachhakens, was das für das individuelle Leben und das Zusammenleben bedeute, so Knecht. Aus der Sicht des Theologen spitzte er zu: Handelt es sich bei der Digitalisierung um so etwas wie ein „technikaffines Pfingsten“ oder sei nicht eher die Geschichte vom Turmbau zu Babel die passende?

Der katholische Stadtdekan nannte die Digitalisierung „janusköpfig“, sozusagen „sowohl als auch“. Als Beispiel für das Thema „Digitalisierung und Arbeit“, schilderte Johannes zu Eltz den Alltag einer Verkäuferin in einem Lebensmitteldiscounter: Mit Hilfe eines Headsets kommuniziert sie während des Befüllens der Regale, sorgt für Nachschub, organisiert weitere Kollegen für die Kasse. Diese wiederum ist, so zu Eltz, „eine Art digitales Fließband“. Zu fragen sei angesichts der umfassenden Veränderungen der Arbeitswelt, wer und was bestimmt den Wert der menschlichen Arbeit, wer sind die Gewinner, wer die Verlierer?, meinte der katholische Stadtdekan.

Der hiesige DGB-Leiter Philipp Jacks sagte mit Blick auf die Digitalisierung: „Ich habe davor keine Angst“ und fügte hinzu „wir sagen nicht ,nein‘ zum technischen Fortschritt, aber wir wollen ihn gestalten“. Selbst wenn die Wortwahl eine andere sei - die Gewerkschaften benutzten beispielsweise den Begriff „Solidarität“, wenn die Kirchen von „Nächstenliebe“ sprächen, verbinde beide das Bemühen um das Wohl der Gesellschaft.

EKD-Wissenschaftler sieht Auseinanderdriften der Arbeitswelt

Die Berufssparten seien unterschiedlich von den Folgen der Digitalisierung betroffen, äußerte Mayert in seinem Vortrag. Er beobachtet: „Die Mittelschicht schrumpft.“ Die Beschäftigung polarisiere sich weiter. Es entstünden mehr „lovely jobs“ am oberen Ende der Einkommensskala, aber auch mehr „lousy jobs“ im Niedriglohnsegment. Klassische Bürojobs oder auch Stellen bei Banken gingen verloren, weil der Computer die Arbeit übernimmt. Fachkräfte in der Fertigung würden durch Hightech ersetzt, sagte der Volkswirt. Der Klempner oder auch der Sozialarbeiter sei aber nicht zu ersetzen, weder durch einen Rechner noch einen Roboter. Das gleiche gelte für die Wissenschaftlerin und die Führungskraft. Andreas Mayert konstatierte, „der technische Fortschriftt macht Arbeitsplätze überflüssig, aber er schafft auch welche“ – jedoch nicht unbedingt in gleichem Maße. Vom Ende der Arbeit könne man deshalb keinesfalls sprechen. Interessant sei, dass große Unternehmen auf diesem Markt, etwa Facebook, im Vergleich zum aktuellen Wert des Unternehmens mit rund 12.000 Angestellten relativ wenig Menschen beschäftigten. Produktivität und Lohnentwicklung entkoppelten sich.

Aktuell erlebten wir die zweite Welle der Digitalisierung: Roboter, künstliche Intelligenz, der Ausbau von „Big Data“, bedeuteten eine andere Qualität der Veränderung als der erste Einsatz von Rechnern in der Arbeitswelt. Mayert meint: Es sei „durchaus Zeit für Bedenken“. Um die Entwicklung als Fortschritt zu erleben in der Gesellschaft, bedürfe es des politischen Gestaltungswillens und einer angesichts der digitalen Herausforderungen weiterentwickelten Sozialpartnerschaft.

Präsentation Andreas Mayert, Sozialwissenschaftliches Institut der EKD, hier

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