„Die Macht der Finanzmärkte und die Armut sind kein Naturgesetz“

28.05.2012

Gabriele Scherle machte in ihrer Pfingst-Predigt auf dem Römerberg Blockupy zum Thema

„Rühr Herz und Lippen an“ war das Motto des Open-Air-Gottesdienstes am Pfingstmontag auf dem Römerberg. Und das Motto durchzog die Predigt von Gabriele Scherle, Evangelische Pröpstin für Rhein-Main, und Yunita Rondonuwu-Lasut, Pfarrerin der Evangelischen Indonesischen Kristusgemeinde Rhein-Main.

Vor über tausend Besucherinnen und Besuchern spannte die Pröpstin einen Bogen von der Sprachlosigkeit der verlassenen Jünger Jesu in der biblischen Pfingstgeschichte zu den jüngsten Blockupy-Aktionstagen in Frankfurt. „Über mehrere Tage war Frankfurt im Belagerungszustand. Über Tage konnten wir erleben, wie es ist, wenn es einer Gesellschaft die Sprache verschlägt, wenn die Kommunikation abbricht, wenn unsere doch eigentlich großartige demokratische Ordnung nicht mehr vom vernünftigen Diskurs, vom freien Austausch der Gedanken beherrscht wird, sondern von Verständnislosigkeit und Angst.“ Die Sprachlosigkeit der Jünger, so Scherle, habe ein Ende gehabt, als ihre Lippen vom Heiligen Geist berührt worden seien. Sie waren, ergänzte Yunita Rondonuwu-Lasut, angerührt von der Macht der Liebe. ”Durch die Liebe wurden Unterschiede angenommen und als Selbstverständlichkeit aufgefasst. Die Liebe bewirkte, dass unterschiedliche Rassen, Sprachen, Kulturen, Geschlechter, soziale und wirtschaftliche Hintergründe akzeptiert und als Vielfalt gefeiert werden. Durch die Liebe wird das gegenseitige Verstehen garantiert.”

Diese Augenblicke des Verstehens, diese ”pfingstlichen Momente”, habe es auch während der Blockupy-Aktionstage in Frankfurt gegeben, sagte Scherle: das vernünftige Gespräch bei einer zufälligen Begegnung an den Absperrungen, die Zuversicht der Musik, die in vielen kleinen Flashmobs durch Frankfurt hallte. „Wenn Herz und Lippen berührt werden, dann hat die Gewalt keine Chance und die freie Meinungsäußerung lässt uns alle aufatmen.“ An Pfingsten trete der Heilige Geist in die Öffentlichkeit. Und der Heilige Geist wecke nicht nur Hoffnung bei denen, die an Christus glauben, sondern er sei die Hoffnung der Welt. „Der Heilige Geist ist die Kraft, die alles erneuert und verwandelt: das ist die Prognose des Glaubens“, so die Pröpstin. Anders als es Herrschende und apokalyptische Vorhersagen behaupten, seien die Macht der Finanzmärkte, die menschliche Gier, der besinnungslose Konsum und die Armut von Milliarden von Menschen kein Naturgesetz. Scherle: „Nicht der Abgrund ist das Ziel der menschlichen Geschichte, sondern die schöpferische Kraft, die alles neu machen und heilen kann.“

Die Predigt im Wortlaut:

Gabriele Scherle:
Liebe Pfingstgemeinde,

über mehrere Tage war Frankfurt im Belagerungszustand. Über Tage konnten wir erleben, wie es ist, wenn es einer Gesellschaft die Sprache verschlägt, wenn die Kommunikation abbricht, wenn unsere doch eigentlich großartige demokratische Ordnung nicht mehr vom vernünftigen Diskurs, vom freien Austausch der Gedanken beherrscht wird, sondern von Verständnislosigkeit und Angst.

Wenn Menschen vor Angst erstarren, wenn zwar geredet aber nicht mehr gehört, wenn argumentiert aber nicht abgewogen wird, dann ist die menschliche Gemeinschaft am Ende. Das gilt für die Familie ebenso wie für den Staat.

Eine ähnliche Sprachlosigkeit herrschte unter den Jüngern Jesu in Jerusalem, nachdem sie von ihm verlassen wurden. Sie konnten sich nicht vernünftig erklären, wie es mit ihnen weitergehen sollte, es wollten ihnen weder Worte, Gesten noch Töne der Zuversicht über die Lippen kommen. Ihr Herz - im Hebräischen der Sitz der Vernunft - und ihre Lippen, das Organ des Gotteslobes, wurden dann aber vom heiligen Geist berührt.

Yunita Rondonuwu-Lasut:
Nun stellt sich die Frage, was ist denn jetzt der Heilige Geist? Und warum kann er auch die extremsten Unterschiedlichkeiten überbrücken? Die Bibel erklärt, dass der Heilige Geist Gott selbst ist (Joh. 4, 24).

Im 1. Johannes 4, 8 steht geschrieben, Gott ist die Liebe. Demnach ist die Kraft des Heiligen Geistes die Kraft Gottes selbst, und die Verkörperung der Macht Gottes ist die Liebe. So verstehen wir nun, dass das, was von den Jüngern und den Menschen aus verschiedenen Ländern mit verschiedenen Kulturen und Sprachen Besitz ergriffen hatte, die von Liebe erfüllte Kraft Gottes war. Die Herzen und Lippen der Menschen waren mit einem Male angerührt von der Macht der Liebe. Durch die Liebe wurden Unterschiede angenommen und als Selbstverständlichkeit aufgefasst. Die Liebe bewirkte, dass unterschiedliche Rassen, Sprachen, Kulturen, Geschlechter, soziale und wirtschaftliche Hintergründe akzeptiert und als Vielfalt gefeiert werden.

Durch die Liebe wird das gegenseitige Verstehen garantiert. Wenn die Münder und Herzen von der Liebe berührt werden, ist es denn nicht so, dass wir gar keine Worte gebrauchen? Darum konnten diese Versammlung der Fremden in Jerusalem einander verstehen, akzeptieren und respektieren. Welch ein wunderschöner Moment.

Liebe Brüder und Schwester, wir, die wir hier auf dem Römerberg versammelt sind, stammen aus den verschiedensten Hintergründen - andere Länder, Sprachen, Kirchen oder gar andere Religionen. Unter uns besteht eine große Vielfältigkeit. Aber der Eine Gott, mit seiner grenzenlosen Liebe, wirkt in diesem Moment und rührt unsere Herzen und Lippen an. So wie es die Jünger Jesu und die Menschenmenge in Jerusalem damals vor ungefähr 2000 Jahren erfahren haben. Aus dem Grund sind die verschiedenen Hautfarben, Herkünfte, Kulturen und Sprachen kein Hindernis für uns, einander zu begegnen und anzusprechen. Verschiedenheiten sind eine Realität dieser Welt, auch in der Frankfurter Metropole. Diese farbenfrohen Unterschiede sind ein Geschenk, das wir in dieser Welt feiern sollten.

Gabriele Scherle:
Und so singen und beten auch wir an diesem Pfingsten in Frankfurt mit besonderem Nachdruck: Gott „Rühr Herz und Lippen an ...“ Wir bitten dies auch für unsere Stadt, für jene, die Verantwortung für die öffentliche Ordnung tragen und für jene, die ihren Protest auf die Straßen tragen. Es gab solche pfingstlichen Momente auch in den vergangenen Tagen: das vernünftige Gespräch bei einer zufälligen Begegnung an den Absperrungen, die Zuversicht der Musik, die in vielen kleinen Flashmobs durch Frankfurt hallte. Wenn Herz und Lippen berührt werden, dann hat die Gewalt keine Chance und die freie Meinungsäußerung lässt uns alle aufatmen. Pfingsten tritt der Heilige Geist in die Öffentlichkeit. Das ist auch eine Herausforderung für uns Christenmenschen. Pfingsten gehört nicht in die Kirche, sondern auf Plätze wie den Römerberg. Der Heilige Geist weckt nicht nur Hoffnung bei denen, die an Christus glauben, sondern er ist die Hoffnung der Welt. Der Heilige Geist ist die Kraft, die alles erneuert und verwandelt: das ist die Prognose des Glaubens. Anders als es Herrschende und apokalyptische Vorhersagen behaupten ist die Macht der Finanzmärkte, ist die menschliche Gier, ist der besinnungslose Konsum, ist die Armut von Milliarden von Menschen kein Naturgesetz. Nicht der Abgrund ist das Ziel der menschlichen Geschichte, sondern die schöpferische Kraft, die alles neu machen und heilen kann. Und diese schöpferische Kraft, sie wird an Pfingsten in aller Öffentlichkeit wirksam.

Yunita Rondonuwu-Lasut:
Das Potenzial, das wir aus unserer Heimat mitgebracht haben, können wir hier in Deutschland frei und furchtlos ausschöpfen und aktualisieren. Wir sind keine Fremde mehr. Wir sind nicht mehr am Rande sitzend, sondern befinden uns mittendrin unter dem Volk als Gleichwertige. Das ist der Geist des Pfingsten. Die gleichberechtigte Position in der Bevölkerung bedeutet auch die Verpflichtung dazu, mit den anderen, Verantwortung unter den Menschen zu tragen. Darum ist es auch wichtig, dass wir uns darum bemühen, uns der örtlichen Kultur anzupassen; wir lernen Deutsch, wir lernen und befolgen die hier in Deutschland gültigen Gesetze - all dies tun wir als Konsequenz dafür, dass wir hier leben. Denn die Liebe beruht auf das gegenseitige Geben und Nehmen. Die Liebe funktioniert nicht, wenn sie einseitig erfolgt. Sie ist eine gemeinsame Sache.

Wenn Ihre Herzen und Lippen angerührt werden, so werden Sie sich aufgefordert fühlen, Unterschiede anzunehmen und zu respektieren. Wenn Ihre Herzen und Lippen angerührt werden, so werden Sie sich offen gegenüber der Welt und anderen Menschen verhalten. Darum werden Herzen und Lippen, die von der Liebe Gottes angerührt werden, jede Art von Fanatismus ablehnen, werden Gewalt als die Lösung aller Problem ablehnen. Sie werden somit zu Stiftern der Gerechtigkeit und dem Frieden hier in Frankfurt, in Deutschland, in der Welt.

Wenn Ihre Herzen und Lippen durch die Liebe angerührt werden, so werden Sie sich mit Freude erfüllt fühlen. Fröhliche Menschen erfreuen sich sicherlich an Musik, Gesängen und Tänzen. Und die Musik kennt keine Grenzen der Nationalität oder der Sprache. Ist der Tanz nicht die universelle Körpersprache, die von jedem verstanden und genossen werden kann, ohne jegliche wörtlichen Erklärungen? Musik, Gesänge und Tänze werden sehr oft in der Bibel empfohlen. Warum? Denn diese Dinge machen Freude auf und sind gesund. Und Gott möchte, dass wir fröhlich und gesund sind.

Gabriele Scherle:
Deshalb, liebe Schwestern und Brüder, lasst uns singen und beten: „Rühr Herz und Lippen an“. Und lasst uns den Traum wachhalten, dass auf den Straßen und Plätzen in Frankfurt nicht mehr die Sprache verschlägt. Lasst uns öffentlich diskutieren und um vernünftige politische Wege ringen. Lasst die jungen Menschen ihre Proteste vortragen und ihre Lieder singen. Und lasst uns gemeinsam um die schöpferische Kraft des Heiligen Geistes bitten, der unsere Hoffnung wachhält auf eine Welt ohne Gewalt, ohne Unrecht und ohne Not.

Amen.

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