Scherle: „Wir müssen den Menschen mehr Theologie zumuten“

09.06.2017

Abschiedsvortrag der Pröpstin, aktuelle Vorhaben und Immobilienkonzept Themen der Tagung der Stadtsynode

v.li. Versammlungsleiterin Irmela von Schenck, Pröpstin Gabriele Scherle und der evangelische Stadtdekan Achim Knecht Foto Ralf Bräuer

„Noch ganz beschwingt“ eröffne sie die Sitzung, sagte Versammlungsleiterin Irmela von Schenck zur Begrüßung der Delegierten des evangelischen Kirchenparlaments gestern im Dominikanerkloster. Nicht nur sie, auch andere gaben der Freude Ausdruck, dass das große Fest zum Reformationsjubiläum am Pfingstmontag auf so zahlreiche und positive Resonanz gestoßen ist. Stehenden Beifall gab es bei der Tagung von Stadtsynode und Regionalversammlung für Gabriele Scherle. Die Pröpstin für Rhein-Main tritt am 1. Oktober in den Ruhestand. Sie verabschiedete sich mit einem Vortrag zu dem Thema „Getrost und mutig das Evangelium in den gesellschaftlichen Veränderungen bezeugen“ von den Delegierten. Zu den weiteren Tagesordnungspunkten des Abends zählte ein Bericht des Stadtdekans Achim Knecht und die Verabschiedung eines Immobilienkonzeptes für den Evangelischen Regionalverband, das auf Sanierungsbedarf beim Gebäudebestand und soziale Herausforderungen in der Stadt reagiert.

Abschied von dem Sitz der Propstei in Frankfurt

„Wir müssen den Menschen mehr Theologie zumuten“, sagte Scherle eingangs. Bei Predigten werde oft nur der eine, eingestreute politische Satz in den Medien wiedergegeben. Sie erinnerte daran, dass sie zum Amtsantritt vor elf Jahren in einem Zeitungsgespräch auf die Frage, was sie beschäftige, gesagt habe, „der Verlust des Ewigkeitshorizontes in der Gesellschaft“. Auch heute beschäftige sie dieses Thema, meinte die 65 Jahre alte Theologin. „Das noch was kommt“, sei ihr wichtig, das gebe ihr auch Freiheit. Junge Leute fühlten sich oft eingeengt durch die von ihnen wahrgenommene Herausforderung, sich ständig entscheiden zu müssen für einen, den „richtigen“ Weg. Scherle ermutigte, sich von dieser Perspektive zu lösen.

Die scheidende Pröpstin dankte für die herzliche Aufnahme, für Vertrauen und gute Gespräche mit Haupt- und Ehrenamtlichen aus der Evangelischen Kirche in Frankfurt am Main. Obgleich sie für die gesamte Region Rhein-Main zuständig sei und das auch betone, sei die Bindung an Frankfurt, nicht nur wegen des Amtssitzes, eine besondere gewesen. Scherle lobte auch die gute Zusammenarbeit mit der hiesigen katholischen Kirche, äußerte sich erfreut, dass sie die Gründung eines Rats der Religionen hier habe erleben können, aus dem Tagesgeschäft der evangelischen Kirche in Frankfurt habe sie sich jedoch weitestgehend herausgehalten. Erst recht nachdem aus früher vier Dekanaten ein Stadtdekanat gebildet wurde.

Mit ihrem Ruhestand wird auch der Zuschnitt der Propstei geändert. In naher Zukunft, wenn die Propsteien Rhein-Main und Süd-Nassau zusammengelegt sind, wird Oliver Albrecht das Propstamt für die neue Propstei Rhein-Main innehaben mit Sitz in Wiesbaden. Entstehen werde eine „Metropolenpropstei“, meinte Scherle. Besorgten aus dem Kreis der Delegierten machte sie Mut, das Beste daraus zu machen. Außerdem: „Albrecht kommt aus Offenbach, er kennt Frankfurt gut“, sagte sie und fügte hinzu, „er hat ein offenes Ohr“. Scherle, geboren in Pforzheim, wird auch im Ruhestand in Frankfurt wohnen bleiben.

Umgang mit Bedeutungsverlust und die Kraft der christlichen Freiheit

In ihrem Vortrag sprach die scheidende Pröpstin die Säkularisierung, den Prozess der Emanzipation von Wirtschaft, Kultur und Politik von der Religion an. Darin liege der entscheidende Bedeutungsverlust der Kirchen: „Die Kirche kann keine soziale Kontrolle mehr ausüben und sie hat nur noch einen indirekten Einfluss auf das gesellschaftliche Leben. Bis heute haben wir diesen Bedeutungsverlust unserer Kirche nicht verkraftet und viele sehnen sich nach der vermeintlich guten alten Zeit zurück. Dem möchte ich mit Nachdruck widersprechen, weil der Zugewinn an Freiheit für die Menschen, weil die Trennung von Religion und Politik auch unser Leben besser machen“, sagte Scherle. Der Tendenz, das sogenannte „christliche Abendland“ gegen alles Bedrohliche auf dieser Welt abzuschotten, müsse die Kirche entschieden entgegentreten. „Das reicht von der Sehnsucht alte Geschlechterrollen von Frauen und Männern wieder zu befestigen, über den Wunsch, Lesben und Schwule an den Rand der Gesellschaft zu drängen, bis hin zum Ziel, eine völkische deutsche Identität aufzubauen, die schlicht rassistisch ist“, führte die Theologin aus.

Einen zweiten Veränderungsprozess beschrieb Scherle mit dem Begriff „Ethisierung von Religion“. Die Religion werde darauf reduziert, Werte zu liefern und „Menschen mit einem moralischen Kompass auszustatten. Als Moralagentin scheine die Kirche zwar wichtig, aber in Wirklichkeit werde sie damit ersetzbar, warnte Gabriele Scherle und fügte hinzu: „Wenn aber unser Glaube sich in der Besserung der menschlichen Verhältnisse erschöpft und die Hoffnung auf eine radikale Transformation des Himmels und der Erde uns nicht mehr trägt, dann haben wir letztlich nichts zu sagen.“

Als dritten Veränderungsprozess nannte die Pröpstin die „Entkirchlichung“: Immer weniger Menschen nehmen an den religiösen Riten, wie Gottesdiensten, teil. Diese Entwicklung sei von den Kirchen nicht aufzuhalten und daher prognostizierte die Theologin, dass die Kirchen weiterhin Mitglieder verlieren werden. Alle Anstrengungen, ständig „neue, phantastische Projekte durchzuführen, hat zu einer breiten Erschöpfung geführt aber nicht zu einer Mitgliedergewinnung“, stellte Scherle fest.

Die christliche Freiheit, schloss die Pröpstin ihren Vortrag, führe die Kirche „in die gesellschaftlichen Konflikte hinein und nicht in eine konflikthafte Traumwelt. „Solange wir als Kirche zu Christus stehen, müssen wir vor Nichts und Niemandem Angst haben.“

Bericht des Stadtdekans

Für Ende des Jahres kündigte der evangelische Stadtdekan Achim Knecht die Eröffnung des Ökumenischen Zentrums im Europaviertel an. Prodekanin Ursula Schoen und Pfarrerin Katja Föhrenbach hätten unlängst dem Vorstand den Stand des Projektes vorgestellt, so dass von diesem Termin auszugehen sei. Prodekan Holger Kamlah habe dem Vorstand in jüngster Zeit eine Vereinbarung mit dem Bistum Limburg und der EKHN vorgelegt zur Ausbildung von ehrenamtlich Mitarbeitenden in der Seelsorge durch den Ökumenischen Arbeitskreis Seelsorge, abgekürzt ÖAKS. Darin werden gemeinsame Regelungen für den Dienst und die Ausbildung der Ehrenamtlichen getroffen und die jeweilige finanzielle Beteiligung der Kooperationspartner festgelegt. Der Vorstand habe diese Rahmenvereinbarung gebilligt, teilte Knecht mit.

Zudem berichtete er, dass die Anträge auf Zuschüsse zum Finanzausgleich des Stadtdekanats beraten und beschlossen worden sind. „Es sind in diesem Jahr sehr viele Anträge mit einem hohen Antragsvolumen eingegangen“, sagte Stadtdekan Knecht. Der Vorstand habe beschlossen, dabei auch die Rücklage Finanzausgleich des Stadtdekanats in Anspruch zu nehmen, damit keine Anträge aus finanziellen Gründen abgelehnt werden müssen. Die Zuschussbescheide würden in den nächsten Tagen versandt.

Immobilienkonzept für die Wohn- und Geschäftsgebäude des Evangelischen Regionalverbandes

Da die Wohn- und Geschäftsgebäude des Evangelischen Regionalverbandes einen erheblichen Instandhaltungsrückstand aufwiesen, so Friederike Rahn-Steinacker, Leiterin der Bauabteilung des Evangelischen Regionalverbandes, sei ein Konzept für die Modernisierung und Sanierung der Liegenschaften entwickelt worden, das bestmöglich den finanziellen Möglichkeiten des ERV, aber auch der sozialen Verantwortung der Kirche auf dem Wohnungsmarkt in Frankfurt gerecht werde. Das Konzept sieht vor, 86 Prozent des Bestandes (51 Gebäude mit zusammen 348 Wohn- und Gewerbeeinheiten) zu halten und 14 Prozent (30 Gebäude mit zusammen 58 Wohn- und Gewerbeeinheiten) im Erbbaurecht zu vergeben. Damit könne der ERV eine große Anzahl seiner günstigen, weil nach Mietspiegel angebotenen Wohnungen weiterhin auf dem Wohnungsmarkt anbieten. Für das auf 20 Jahre angelegte Sanierungsprogramm werden insgesamt 33,5 Millionen Euro benötigt, die unter anderem aus Mieteinnahmen, den Erlösen für die im Erbbaurecht vergebenen Gebäude sowie durch die Aufnahme eines Kredits finanziert werden sollen.

Mit großer Mehrheit entschied sich die Versammlung nach umfassender, sachlich geführter Debatte für das Konzept, 102 Stimmberechtigte waren anwesend, es gab acht Gegenstimmen und 18 Enthaltungen.

Der Vortrag von Pröpstin Scherle zum Nachlesen

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