Streitpunkt Abendmahl

17.02.2017

Der evangelische Stadtdekan Dr. Achim Knecht

Warum hat ausgerechnet das Abendmahlsverständnis zur Zeit der Reformation so große Differenzen verursacht? Wie man sich die Gegenwart Christi durch Wein und Brot vorstellt, hat viel mit einem unterschiedlichen Verständnis von Kirche zu tun, sagt der evangelische Stadtdekan Achim Knecht im Interview mit unserer Mitgliederzeitung "Evangelisches Frankfurt":

Evangelisches Frankfurt: Worüber streiten sich die Konfessionen eigentlich beim Abendmahl und ist das heute noch wichtig?

Achim Knecht: Der Hauptunterschied ist, wie die Gegenwart von Jesus Christus gedacht wird. Mir persönlich ist die katholische Vorstellung, dass Brot und Wein beim Abendmahl nur noch so aussehen, als wären sie Brot und Wein, aber von ihrer Substanz her Leib und Blut sind, auch nach ausgiebigem Theologiestudium doch irgendwie sehr fremd geblieben. Evangelischerseits gibt es dazu aber auch verschiedene Auffassungen. In der lutherischen Tradition wird durchaus ebenfalls von einer realen Präsenz Jesu Christi im Abendmahl ausgegangen. Real im Sinne von „wirklich“. Aber inwiefern sich das realisiert, das hat Luther als Geheimnis markiert, er formulierte es so, dass es ein besonderer Akt sei, der „in, mit und unter Brot und Wein geschieht“. Das heißt, die Präsenz Christi ist nicht unabhängig von Brot und Wein, aber wie man sich das genau vorstellen soll, wird offen gelassen. Weil es auch nicht der entscheidende Punkt ist. In der reformierten Spielart des Christentums ist es stärker als eine symbolische Präsenz gedacht, eine zeichenhafte Gegenwart. Nun kann man natürlich sagen, dass auch Symbole etwas verwirklichen, dass sie mehr sind als nur ein Verweis, und dann sind wir bei reformierter und lutherischer Position nicht so weit voneinander entfernt, wie Luther und Zwingli damals gedacht haben. Nicht umsonst gab es im 20. Jahrhundert in der evangelischen Tradition doch eine weitgehende Verständigung darüber, dass man mit einer gemeinsamen Abendmahlspraxis gut leben kann.

So recht verständlich ist aber doch nicht, warum diese Frage so heftige Auseinandersetzungen mit sich brachte.

Knecht: Es geht ja nicht nur um ein unterschiedlichen Verständnis eines irgendwie geheimnisvollen Vorgangs, sondern damit hängt zusammen, wie das Abendmahl im Verhältnis gesehen wird zu dem, was Jesus Christus für die Menschen am Kreuz getan hat. Nach katholischer Auffassung im strengen Sinne wird dieses Opfer im Gottesdienst wiederholt, die Kirche wiederholt und vergegenwärtigt die damit zusammenhängende Erlösung nicht nur im Sinne der Darstellung, also wie in einem guten Schauspiel, sondern so, sich das Ereignis tatsächlich noch einmal vollzieht. Während wir uns evangelischerseits daran erinnern. Dahinter stecken also doch sehr unterschiedliche Auffassungen von dem, was in der Kirche passiert und warum die Kirche wichtig ist. Evangelisch verstanden braucht ein Mensch nicht am Gottesdienst teilnehmen, damit ihm die Gnade Gottes zukommt. Katholischerseits ja schon, weil sich das Gnadensereignis dort noch einmal vollzieht. Das ist ein erheblicher Unterschied: Brauche ich die Kirche unbedingt, um selig zu werden? Oder ist da auch ein größeres Moment von Freiheit und Distanz möglich? Habe ich auch dann voll Anteil an dem, was Jesus Christus für die Menschen gebracht hat, wenn ich nicht in die Kirche gehe? Dieses Freiheitsmoment ist zwischen evangelischen Christen und ihrer Kirche doch deutlich größer. Wir glauben, dass ich die Gnade von Gott auch erfahren kann, wenn ich nur von Ferne an einem Gottesdienst teilnehme oder indem ich zu Hause meine Bibel lese und ein Wort mich trifft und mir Zuspruch gibt. Dieses höhere Maß an Freiheit für evangelische Christen hat sich dann traditionellerweise auch in einer etwas geringeren Kirchgangshäufigkeit niedergeschlagen, nach dem Motto: „Herr Pfarrer, wir sind selten in der Kirche, wir sind evangelisch.“

Feiern die Evangelischen deshalb auch verhältnismäßig selten Abendmahl?

Knecht: Da gibt es sicher historische Gründe. Ich meine mich zu erinnern, dass zu Zeiten von Martin Luther und auch noch lange danach das Abendmahl in aller Regel wöchentlich gefeiert wurde, zu jedem Sonntagsgottesdienst, ähnlich wie es in der katholischen Kirche ist. Ein Grund, warum sich das veränderte, ist sicher der, dass für Evangelische der Gottesdienst auch dann vollgültig ist, wenn man darin nicht Abendmahl feiert. Der Gottesdienst ist ein Ort, wo Menschen Gott begegnen können, wo Gott den Menschen seinen Zuspruch zukommen lässt und seinen Anspruch. Das geht auch ohne Abendmahl. Und deshalb hat es sich evangelischerseits so entwickelt, dass das Abendmahl nicht in jedem Sonntagsgottesdienst gefeiert wurde. Allerdings gab es immer auch Traditionen, die viel häufiger Abendmahl feierten, bis hin zu täglichem Abendmahl in Kommunitäten oder quasi klösterlichen Zusammenhängen. In der kirchlichen Hochschule in Bethel gab es, als ich dort studierte, einen Abendmahlskreis des Kirchengeschichtsprofessors, und ich bin niemals so oft beim Abendmahl gewesen wie in diesen zwei Jahren.

Ein anderer Unterschied ist auch die Frage, wer zum Abendmahl zugelassen wird, und wer nicht.

Knecht: Ja, evangelischerseits sind alle Christen und Christinnen jeglicher Konfession zum Abendmahl eingeladen, eigentlich sogar jeder, der die Stimme Jesu in der Einladung zum Abendmahl hört, auch wenn er nicht getauft ist. Bei der katholischen Kirche sind eigentlich ja nur die getauften katholischen Christen und Christinnen eingeladen. Das ist zum Beispiel eine schmerzliche Sache, wenn Menschen unterschiedlicher Konfessionen verheiratet sind, weil sie nicht gemeinsam am Abendmahl teilnehmen können. Es gibt noch einen Unterschied: Grundsätzlich kann auch jeder evangelische Christ und jede Christin das Abendmahl feiern und einsetzen, sofern sie von der Kirche dazu beauftragt sind. Es müssten nicht unbedingt Pfarrerinnen und Pfarrer sein.

 

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