Zwei auf einer Kanzel

31.10.2017

Ökumenischer Festgottesdienst zum Reformationsjubiläum in Frankfurt am Main

Auf der Kanzel der vollbesetzten Sankt Katharinenkirche: li. der katholische Stadtdekan zu Eltz, rechts der evangelische Stadtdekan Knecht, alle Fotos: Rolf Oeser

Gemeinsam haben heute der evangelische Stadtdekan Achim Knecht und der katholische Stadtdekan Frankfurts, Johannes zu Eltz, im Rahmen des Festgottesdienstes „500 Jahre Reformation“ in der evangelischen Sankt Katharinenkirche an der Hauptwache eine Dialogpredigt gehalten. Zusammen standen sie auf der Kanzel und predigten wechselnd über das Gleichnis vom Sämann (Lukas 8,15): Die Frage, wie und wo die Saat des Glaubens aufgehen kann, steht im Zentrum dieses Bibelabschnitts. An diesem Morgen interessierten sich offensichtlich viele für die Botschaft der Stadtdekane, bis weithin auf die Frankfurter Haupteinkaufsstraße Zeil zog sich der Bogen der Wartenden, die den Gottesdienst zum Jubiläum in der zentralen evangelischen Innenstadtkirche besuchen wollten. Drinnen mussten sich viele, die den Worten der Predigenden oder der Musik unter der Leitung von Michael Graf Münster lauschen wollten, mit Stehplätzen begnügen. „Es tut uns leid, dass nicht alle, die den Gottesdienst besuchen wollten, Einlass gefunden haben. Wir hatten nicht mit einem solchen Ansturm gerechnet und deshalb leider keine Übertragung des Gottesdienstes auf der Hauptwache vorgesehen,“ entschuldigte sich Stadtdekan Achim Knecht.

tl_files/images/content/aktuelles/2017_10/2017-10-Blick-in-die-Gemeinde-oes.jpgRund 800 Leute konnte Olaf Lewerenz, Stadtkirchenpfarrer an Sankt Katharinen und Beauftragter für das Reformationsjubiläum in Frankfurt, begrüßen. Darunter Frankfurts Kämmerer und Kirchendezernent Uwe Becker, den evangelischen Propst für Rhein-Main, Oliver Albrecht, und die Vorsitzende der katholischen Stadtversammlung Daniela Marschall-Kehrel sowie die Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages, Professorin Julia Helmke, die anschließend beim städtischen Empfang zum Reformationsjubiläum die Festrede hielt.

 

Knecht: Die Botschaft der Reformation in die Gegenwart versetzen

„Wir nehmen das Anliegen der Reformation ernst, wenn wir uns der Erneuerung der Kirche und des christlichen Lebens stellen“, sagte der evangelische Stadtdekan Knecht in seiner Einführung. Zahlreiche von Luthers 95 Thesen, die der Reformator am 31. Oktober 1517 in Wittenberg veröffentlichte, passten nicht zur heutigen religiösen und gesellschaftlichen Praxis, so der Theologe und verwies auf das Motto der Landeskirche, der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) zum Reformationsjubiläum „Gott neu entdecken“. „Gott bleibt anders!“, sagte Knecht, hinzufügte er: „Und doch ist es derselbe Gott, dessen Wort wir heute hören und dem wir Vertrauen schenken dürfen.“

Die evangelische Kirche sehe sich heute in der Situation einer Minderheitenkirche. Wie könne damit konstruktiv umgegangen werden? Wie sei es möglich, sich vertrauensvoll zur Botschaft Jesu zu bekennen, auch wenn der Wind ins Gesicht blase? Sei Luther, der mutig zu seinem Gewissen stand, da ein Beispiel? Fragen, die sich, so Knecht, stellen. Fest steht für ihn: „Jesu Botschaft ist unbequem“ – auch in der Botschaft „Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst!“.Knecht betonte den Impuls der Reformation, das Wort Gottes in die jeweilige Sprache zu übersetzen. Es sei aller Mühen wert, den Menschen das Evangelium im Rahmen ihres jeweiligen kulturellen Horizontes nahe zu bringen. Der evangelische Stadtdekan hob die Bedeutung der Gnade hervor und einen weiteren Kerngedanken der Reformatoren: „In jedem Menschen gibt es etwas Unantastbares, das ihm seine unverlierbare Würde gibt.“

tl_files/images/content/aktuelles/2017_10/2017-10-Reformationstaggottesdienst-Kanzel-Nahaufnahme.jpg 

zu Eltz: Nicht zuletzt in Frankfurt gedeiht die Ökumene

„Wir brauchen unbedingt einen differenzierten Zugang zum Wort der Schrift“, zur Bibel, formulierte der katholische Stadtdekan Johannes zu Eltz. In dem Gleichnis vom Sämann gedeihe der Samen nur auf dem guten Land, nicht auf dem Fels, nicht unter den Dornen, aber die Grenzen zwischen dem guten und dem schlechten Land seien fließend. Der katholische Stadtdekan hob die in dem Gleichnis geschilderte Bewegung hervor: Die, die ihre Samen unter Dornen fallen ließen, machten sich später auf, um nach einem anderen Ort zu suchen, das stehe für Freiheit. Als einen „Katholiken, der Luther liebt“, merkte zu Eltz jedoch auch kritisch an, „die Zertrümmerung des freien Willens, damit Gottes Gericht und Gerechtigkeit erhabener dastehen mitten in den Scherben unserer geschaffenen Schönheit, ist doch nicht notwendig“.

Versöhnlich zeigte sich zu Eltz mit Blick auf die Ökumene in seinem Abschluss, er sprach davon, dass „nicht zuletzt in Frankfurt“, das Zusammenleben der Katholiken und Protestanten sich „feinen und guten Herzens“ entwickle und „Friede bringe in Geduld“.

Daniela Marschall-Kehrel von der katholischen Stadtversammlung und Irmela von Schenck, Versammlungsleiterin der evangelischen Kirche, beteiligten sich mit Stadtkirchenpfarrer Lewerenz und den beiden Stadtdekanen an den Fürbitten. Irmela von Schenck bat um ein weites Herz im Glauben, hier und weltweit gesehen, „lass uns eins sein in der Nachfolge Jesu“, sagte zu Eltz, das Schicksal der für ihren Glauben Verfolgten sprach Knecht an und schloss in die entsprechende Fürbitte Juden und Muslime ein. Marschall-Kehrel bat um offene Augen und Ohren angesichts der Schicksale der Menschen, die Bitte um Frieden und Gerechtigkeit stellte Lewerenz ins Zentrum.

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v.li. Olaf Lewerenz, Daniela Marschall-Kehrel, Johannes zu Eltz, Irmela von Schenck, Achim Knecht

Orgelstücke von Johann Sebastian Bach, gespielt von Martin Lücker, rahmten den Gottesdienst. Kompositionen von Heinrich Schütz hatte Michael Graf Münster für die Aufführungen von Concerto vocale Frankfurt und Bach Collegium Frankfurt ausgewählt. Soli übernahmen Julia Diefenbach, Mezzosopran, Christian Rohrbach, Alt, Theodore Brown, Tenor und Christos Pelekanos, Bariton.

Das Manuskript der Predigt

Das Grußwort des evangelischen Stadtdekans Achim Knecht zum Reformationsjubiläum hier

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